Warum ADHS bei Frauen oft zu spät erkannt wird

Shownotes

Bei ADHS denken viele an Jungs, die nicht stillsitzen können. Aber Mädchen und Frauen können ADHS genauso haben - doch das fällt bei ihnen häufig nicht auf. ADHS ist eine angeborene Stoffwechselstörung und Frauen mit ADHS haben häufig Aufmerksamkeitsschwierigkeiten und können sich zum Beispiel schlecht konzentrieren. Warum ADHS bei Frauen oft erst im Erwachsenenalter festgestellt wird und wie sehr die Diagnose erleichtern kann, hört ihr in dieser Folge.

Bei “The Sex Gap” geht’s darum, wie in der Medizin Frauen und zum Beispiel auch nichtbinäre oder trans* Personen benachteiligt werden. Denn: in vielen Bereichen in der Medizin ist der Mann nach wie vor der Standard. Podcast-Host Kari Kungel klärt gemeinsam mit Expert:innen und Betroffenen, welche Folgen das hat und schaut sich an, wie eine geschlechtersensible Medizin für mehr Gerechtigkeit für alle sorgen könnte.

Jeden zweiten Mittwoch erscheint eine neue Folge. Habt Ihr Fragen, Anregungen oder Kritik? Dann schreibt uns gerne an redaktion@gesundheit-hoeren.de

Redaktion: Anne Bohlmann, Nina Marie Bust-Bartels
Redaktion und Host: Kari Kungel
Fachwissenschaftliche Kontrolle: Dr. Katharina Kremser
Produktion: Pola.Berlin und gesundheit-hören.de
Executive Producer: Peter Glück

Ein Hinweis zum Begriff ADHS (Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung): Manchmal wird auch der Begriff ADS (Aufmerksamkeitsdefizitstörung) verwendet, um den unaufmerksamen Subtyp der ADHS zu beschreiben. Wir verwenden in dieser Folge den Überbegriff ADHS.


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Quellen


Wie wir arbeiten: https://www.apotheken-umschau.de/ueber-uns/

WICHTIG: Dieser Podcast dient der Information und ersetzt keine medizinische oder pharmazeutische Beratung. Alle Aussagen und Inhalte entsprechen dem aktuellen Wissens- und Kenntnisstand, der Veränderungen unterliegt.

Diesen und weitere Gesundheitspodcasts gibt es auf www.gesundheit-hören.de

Transkript anzeigen

[00:00:00]

Chaos im Kopf - so fühlt sich ADHS an

Johanna Gehrmann - Also es ist auf jeden Fall was sehr Lautes.

Kari Kungel - Das ist Johanna.Johanna Gehrmann - Mhm und ganz viel durcheinander.

Kari Kungel - So beschreibt sie, was in ihrem Kopf los ist.

Johanna Gehrmann - Niemals Ruhe.

Kari Kungel - Sie hat ADHS, das ist die Abkürzung für Aufmerksamkeitsdefizit-/Hyperaktivitätsstörung.

Johanna Gehrmann - Es ist so ein bisschen als würde jemand in deinem Kopf so Ping-Pong spielen oder, ja, also es ist ganz, ganz laut, so wie so ein Jahrmarkt und alles, was du wahrnimmst, kannst du halt nicht so gut filtern.

Kari Kungel - Vielleicht kennt ihr auch jemanden mit dieser Diagnose. Oder ihr seid auf TikTok oder z.B. Instagram darauf gestoßen. Oft wird ADHS vor allem mit Jungs verbunden, viel seltener mit Mädchen. Und daher finden einige Frauen erst als Erwachsene heraus, dass sie ADHS haben. So wie Johanna Gehrmann, sie hat erst mit 26 die Diagnose bekommen. Wie ADHS bei ihr und anderen Frauen aussieht, und warum diese Stoffwechselstörung oft erst so spät erkannt wird, darum geht es in dieser Folge.

Sprecher - The Sex Gap. Ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau.

Kari Kungel - Herzlich willkommen bei The Sex Gap. Kurzer Disclaimer, nein, das ist kein Sex-Podcast! Hier geht’s um gender - um „sex“ im Sinne von „Geschlecht“ in der Medizin. Und zwar darum, wie das Geschlecht beeinflusst, wie gut wir behandelt werden. Frauen und auch nicht-binäre oder Trans-Personen, die werden in der Medizin nämlich ganz schön benachteiligt. Denn, in vielen Bereichen ist einfach der Mann der Standard, sozusagen. Und das hat krasse Folgen. Die Dosierung von Medikamenten kann für Frauen viel zu hoch sein. Oder die Symptome bei einem Herzinfarkt bei Frauen werden nicht oder nicht rechtzeitig erkannt, einfach weil sie anders sein können als so die „klassischen“. Mein Name ist Kari Kungel, ich bin Gesundheitsjournalistin und ich kann euch sagen - je mehr man sich mit diesem Thema „gendergerechte Medizin“ beschäftigt, auf desto krassere Sachen stößt man einfach. Und deshalb machen wir diesen Podcast. Um darauf aufmerksam zu machen und zu zeigen, wie eine geschlechtersensible Medizin für mehr Gerechtigkeit sorgen kann und die Medizin besser machen kann - und zwar für alle. Dazu sprechen wir mit Expert/innen und Betroffenen. So. Los geht’s mit dieser ersten Folge von „The Sex Gap“ und der Frage, warum ADHS bei Frauen oft erst so spät erkannt wird.

Kari Kungel - Die Frauen, mit denen wir für diese Folge gesprochen haben, die haben erst mit Mitte 20, Anfang 30 gewusst - sie haben ADHS.

Johanna Gehrmann - Also ich hatte schon oft das Gefühl, dass ich irgendwie anders bin oder dass etwas mit mir nicht stimmt.

Kari Kungel - Das ist nochmal Johanna.

Johanna Gehrmann - Und ich hatte immer das Gefühl, dass meinen ganzen Freundinnen oder Bekannten alles viel leichter fällt, und egal wie doll ich mich immer angestrengt habe, ich hab's halt nicht hinbekommen. Und ich dachte mir, okay, was, was ist da los? Warum schaffe ich das nicht, warum bin ich anders, warum nehme ich das ganz anders wahr? Und hab einfach das so abgetan, „Ja, ich bin halt einfach schwierig oder ja, ich schaffe das einfach nicht“ und während meines Studiums habe ich dann zum ersten Mal einen Artikel auch über ADHS im Erwachsenenalter gelesen und dann dachte ich mir, „Okay krass, das bin einfach zu 100 Prozent ich. Ja, ich gehe dem mal nach und suche mir vielleicht eine Erklärung dafür.“

Kari Kungel - Johanna geht zu ihrem Hausarzt und erzählt ihm von ihrem Verdacht und der hat ihr dann geraten, sich testen zu lassen und ihr eine Überweisung gegeben für eine Testung. Aber dieser Weg zur Diagnose, der ist bei vielen Erwachsenen eben oft sehr lang. Denn, ADHS wird bei Erwachsenen oft übersehen.

Dr. Felix Betzler - Betroffene haben häufig eine wahre Odyssee hinter sich.

Kari Kungel - Das ist Felix Betzler. Er leitet die ADHS-Sprechstunde an der Berliner Charité. Und solche Sprechstunden und Spezialambulanzen, die gibt es in vielen Städten in Deutschland. Wir verlinken euch eine Liste dazu in den Shownotes. Die Wartezeiten, die sind dort aber oft sehr lange. Und auch sonst dauert es lange, so einen Termin zu bekommen. Und das heißt, dass man in der Regel wirklich sehr viel Geduld aufbringen muss.

[00:04:35]

Der Weg zur Diagnose ist lang

Kari Kungel - Angelina Boerger ist Journalistin und sie hat 2020 eine ADHS-Diagnose bekommen. Und sie hat wirklich sehr viel Energie reingesteckt, um abklären zu lassen, ob sie von ADHS betroffen ist.

Angelina Boerger - Also tatsächlich war ich damals schon in einer Verhaltenstherapie, weil ich gemerkt hab, irgendwie, ich komme sehr oft an mein Limit, was Stress und so angeht. Und das schlug dann auch vor allem auf meinen Magen-Darm und ich hatte dann irgendwie Magenschleimhautentzündung und voll oft Kopfschmerzen und war irgendwie so überlastet und habe gedacht, „Okay, mein Problem, ich muss an mir arbeiten, ich kann nicht mit Stress umgehen. Und bevor ich jetzt, irgendwie mit, bevor ich 30 bin irgendwie im Burnout lande, suche ich mir Hilfe“ und war dann in einer Therapie und bin dann auch mit meinen Verdacht zu dieser Therapeutin gegangen.

Kari Kungel - Angelina ist sich damals hundertprozentig sicher, dass sie ADHS hat. Aber bei der Therapeutin hat sie dann einen Downer erlebt.

Angelina Boerger - Und das war auch ein ganz großer Moment für mich, weil sie dann zu mir gesagt hat „Ah ja, da habe ich schon mal von gehört, dass es das auch bei Erwachsenen geben soll. Aber in meinen 22 Jahren Berufserfahrung habe ich das noch nie diagnostiziert. Aber ich nehme den Gedanken mal mit.“ Und das war so dieser Moment, wo ich gedacht hab, „Nein, stopp, ich bin mir so sicher und das reicht mir nicht. Und ich muss jetzt jemand anderen finden, der darauf spezialisiert ist“.

Kari Kungel - Angelina bekommt eine lange Liste mit Spezialistinnen und ihr werden zum Teil aber Termine wirklich erst 18 Monate später angeboten. Sie telefoniert diese Liste also ab, schreibt eine Mail, schreibt noch eine Mail und irgendwann hat sie dann doch Glück. Sie bekommt einen Termin für die Diagnostik.

Angelina Boerger - Das war auch total aufregend, weil man natürlich dann da hingeht und denkt, „Okay, jetzt geht es ans Eingemachte“. Und es ist eben auch nicht so, ich sitze da und erzähl mal kurz was und dann habe ich die Diagnose, sondern du musst halt ordentlich Sachen mitbringen.

Kari Kungel - Und zwar zum Beispiel Selbsteinschätzung, Fremdeinschätzung, Schulzeugnisse, Fragebögen, und so weiter. Und daraus ergibt sich dann eben ein Bild für die Diagnose. Aber das ist doch krass, oder? Also, ich musste ehrlich gesagt noch nie so viele Unterlagen zu einem Arzttermin mitbringen. Bei ADHS ist das aber sehr wichtig, weil man wissen muss, wie es einem als Kind ging. Dazu kommen wir später noch.

Angelina Boerger - Und dann hatte ich tatsächlich ganz, ganz am Ende nach diesem Termin schwarz auf weiß in der Hand - ich habe ADHS! Und das war auf einmal für mich so, „Ja, ich habe es, ich habe sie, ich habe sie und das kann mir jetzt keiner mehr wegnehmen“. Und ich, ich war mir so sicher von Anfang an und das hat sich einfach bewahrheitet.

[00:07:15]

So verbreitet ist ADHS

Kari Kungel - Sprechen wir mal darüber, wie verbreitet ADHS eigentlich ist. Also man geht davon aus, dass weltweit 3% der Erwachsenen und 5% der Kinder betroffen sind. Bei Erwachsenen sind weniger Frauen als Männer diagnostiziert, auf eine Frau mit Diagnose kommen in etwa 1,5 Männer. Aber, was wirklich abgefahren ist, lange war gar nicht bekannt, dass es ADHS auch bei Erwachsenen gibt.

Dr. Felix Betzler - Also, die ADHS an sich ist eine Entwicklungsstörung, die im Kindesalter beginnt und bei den meisten Betroffenen sich dann bis ins Erwachsenenalter fortsetzt.

Kari Kungel - Bei Felix Betzler an der Berliner Charité, da gibt es eine Sprechstunde für Erwachsene, die in der Vergangenheit noch keine ADHS-Diagnose bekommen haben. Bei Erwachsenen, da sind einzelne Symptome weniger stark ausgeprägt als bei Kindern - zum Beispiel wird eine Hyperaktivität bei Jugendlichen und Erwachsenen häufig weniger. Also, sie geht zurück und zeigt sich dann eher in einer inneren Unruhe. Aber mindestens 50% haben auch als Erwachsene dann übrigens noch ADHS, wenn sie als Kind damit diagnostiziert worden sind. In die ADHS Sprechstunde an der Charité, da kommen Menschen aller Altersgruppen. Im Durchschnitt sind es aber meistens junge Erwachsene.

Dr. Felix Betzler - Wenn man sozusagen eine ADHS-Diagnose nicht diagnostiziert bekommen hat im Schulalter, sie aber eigentlich schon unentdeckt vorlag die ganze Zeit, dann wird sie vor allem dann besonders sichtbar, wenn die Betroffenen dann, sozusagen, auf eigenen Füßen stehen, anfangen, sozusagen, ins Berufsleben zu gehen oder ins Studium und dann immer größere Probleme bekommen und irgendwann dann eben bei mir in der Sprechstunde landen.

[00:09:00]

Das sind die typischen Symptome

Kari Kungel - An welchen Symptomen ADHS sich bei Erwachsenen zeigt, darum geht es jetzt als nächstes. Johanna wurde ja als Erwachsene diagnostiziert. Und, was ganz typisch war bei ihr, dass sie dann im Studium riesige Probleme bekommen hat.

Johanna Gehrmann - Ja, da habe ich mich dann auch richtig durchgequält. Also mit den Seminaren, Klausuren, die großen Hörsäle mit den ganzen Menschen. Du hast 90 Minuten Zeit, zuzuhören, aber nicht darüber hinaus. Das war einfach, ja, der reinste Horror. Also ich habe das, ja, gerade so, wenn es um die Klausurenphasen ging, um die Leistung die Menschen halt im Studium erbringen müssen, ich habe es einfach nicht hinbekommen zu lernen und mich zu organisieren und bin dann auch natürlich mal durch eine Prüfung durchgefallen und ich weiß, das es voll der Rückschlag für mich war und ich dachte, „Okay, ich muss jetzt alles hinwerfen, ich schaff das auf gar keinen Fall“, weil ich, egal wie sehr ich mich angestrengt habe, ich habe es, ich habe es nicht geschafft.

Kari Kungel - Aber eigentlich fängt es bei Johanna schon weit vor ihrem Studium an.

Johanna Gehrmann - Ich glaube so das Schlimmste war echt Kindheit, Jugend. Ich war einfach ein, ein super impulsives, aktives Kind. Ich konnte wirklich nicht stillsitzen, es hat nicht funktioniert. Meine Zeugnisse waren immer mit dem Nebensatz, „Ja, die Mappen Führung war schlecht, unorganisiert, hat andere und sich selber vom Unterricht abgelenkt“ und das tatsächlich auch noch echt bis in die Jugend und ins Erwachsenenalter. Also auch in meiner Ausbildung. Ich habe immer ständig alle gestört oder mich selber gestört, super unkonzentriert. Und ich hatte immer ganz ganz viele Hobbies, aber ich hatte nicht ein richtiges. Also ich habe mich immer für alles oder für ganz vieles interessiert. Und dann bin ich dem nachgegangen und habe ich es oft immer wieder fallen lassen. Also ich konnte nie so einer Tätigkeit richtig, richtig lange, super gut nachgehen.

Kari Kungel - Viele Menschen mit ADHS sind aber super gut darin, ihre Symptome zu überspielen.

Angelina Boerger - Man nennt es immer gerne das „Masking“, also das ist eben diese, diese Maske, die man sich aufzieht, soll dieses Bild sein…

Kari Kungel - Das ist noch mal Angelina, die Journalistin.

Angelina Boerger - …um im Alltag zu funktionieren mit anderen Menschen, die eben kein ADHS haben. Und das ist so was ganz Typisches. Das hat sich bei mir zum Beispiel darin geäußert, dass ich sehr, sehr viel Listen führe, zum Beispiel, um um nichts zu vergessen, um nach außen eben nicht als vergesslich oder verpeilt wahrgenommen zu werden und dann auch immer sag, „Ja, ja, klar, und ich bin auf dem Weg. Und ja, das und natürlich habe ich das im Blick“ und so, und dann denkt man, „Oh fuck, wo war noch mal der Zettel, wo stand das nochmal drauf und was musste ich denn noch mal machen?“ Und so. Mein Leben lang habe ich immer viel mit kleinen Notlügen gearbeitet. Einfach, dass ich wirklich dann sag, „Ja, ja, ich bin in zehn Minuten da, ich bin schon auf dem Weg“ und eigentlich stehe ich noch zu Hause, mit dem Handtuch auf dem Kopf und muss irgendwie gucken, dass ich das irgendwie noch schaffe, zeitig.

Kari Kungel - Felix Metzler von der Berliner Charité, der sagt, Menschen mit ADHS, die haben vor allem mit drei Dingen Schwierigkeiten. Und zwar mit Aufmerksamkeit, mit Hyperaktivität und mit Impulsivität.

Dr. Felix Betzler - Also auf der Aufmerksamkeitsebene erfahren die Betroffenen häufig Schwierigkeiten, zum Beispiel die Konzentration zu halten, die Aufmerksamkeit zu halten. Sie vergessen sehr viel. Das Zuhören fällt schwer, das Planen von Aktivitäten. Häufig werden Dinge verlegt und die Alltagsbewältigung leidet darunter. Hyperaktivität bedeutet, dass es den Betroffenen schwer fällt, still zu sitzen, dass sie sich stark kontrollieren müssen, dass sie dann eben häufig dann auch mit den Beinen wackeln, mit den Fingern spielen, irgendetwas in der Hand haben müssen. So eine motorische Unruhe. Und Impulsivität bedeutet, dass es schwer fällt, beispielsweise andere Menschen ausreden zu lassen, zu warten, bis man an der Reihe ist, oder auch unüberlegtes Handeln.

Kari Kungel - Bei Frauen, da sehen die Symptome allerdings häufig anders aus. Es gibt zwar auch Frauen, die einen starken hyperaktiven Anteil haben, aber viele Mädchen und Frauen haben vor allem Probleme mit der Aufmerksamkeit - in ihrem Kopf, da ist sozusagen die ganze Zeit was los.

Angelina Boerger - Es ist einfach permanent aktiv. Ja, dass es so viele Wechsel irgendwie gibt.

Kari Kungel - Angelina ist das nochmal.

Angelina Boerger - Ob es jetzt Stimmungslagen sind, dass man irgendwie total euphorisch ist und dann auch wieder down oder eben auch mit der Konzentration, dass sich das so krass abwechselt, also dass ich Momente habe, in denen merke ich, „Okay, ich kann mich überhaupt nicht konzentrieren“. Vor allem auf Dinge, auf die ich keine Lust habe. Ob es jetzt eine Aufgabe ist, die von außen kommt oder irgendwie so diese täglichen To-Do’s. Wäsche machen, aufstehen, zum Sport gehen, pünktlich irgendwo sein. Aber es gibt eben auch diese Momente, wo die Konzentration total da ist. Das ist eben auch so ein großes Vorurteil, dass Menschen denken, man könnte sich mit ADHS gar nicht konzentrieren. Es ist mehr so, dass man sich nicht unbedingt aussuchen kann, worauf man sich konzentrieren möchte, oder eben nicht.

[00:14:10]

Was ist ADHS eigentlich?

Kari Kungel - Wir gehen gleich noch mal genauer darauf ein, wie sich ADHS bei Frauen und Männern unterscheiden kann. Aber an dieser Stelle sollten wir vielleicht mal ganz kurz erklären - was ist ADHS überhaupt? Also, ADHS ist eine angeborene Stoffwechselstörung.

Dr. Felix Betzler - Ja. Was passiert bei einer ADHS im Gehirn?

Kari Kungel - Felix Betzler von der Charité noch mal.

Dr. Felix Betzler - Also, das Gehirn funktioniert ja quasi mit Botenstoffen. Neurotransmitter sagen wir dazu. Und die ADHS ist, vereinfacht gesagt, ein Mangel von Dopamin und Noradrenalin in bestimmten Bereichen des Gehirns.

Kari Kungel - Und zwar einmal in dem Bereich, der regelt, wie aufmerksam wir sind und wie wir Tätigkeiten durchführen. Das wird über das Dopamin reguliert. Und dann noch in dem Bereich, der die Aufmerksamkeit steuert - also zum Beispiel Wachheit und Fokus. Und dafür ist das Noradrenalin zuständig.

Dr. Felix Betzler - Man kann sich das Ganze jetzt vorstellen wie eine Kutsche, und auf dieser Kutsche sitzt ein Kutscher, der sozusagen die Kutsche steuern soll. Und davor ist ein Pferd eingespannt. Und sowohl Kutscher als auch Pferd haben jetzt nicht ausreichend von dem, was sie eigentlich brauchen. Und so kann eben der Kutscher seinen Job nicht richtig erfüllen und die Kutsche lenken, als ob das Pferd, was Hunger hat, denkt nicht daran, die Kutsche sozusagen in die Richtung zu ziehen, die es ziehen soll, sondern es isst hier was am Wegesrand und schnuppert da einmal und zieht die Kutsche in alle möglichen Richtungen, aber nicht dahin, wo es soll. Und so quasi ist das ganze System also sehr vereinfacht gesprochen beeinträchtigt.

Kari Kungel - ADHS ist die häufigste psychische Störung bei Kindern und Jugendlichen und sie hat einen hohen erblichen Faktor, aber es gibt auch andere Faktoren, die das Risiko erhöhen, eine ADHS zu entwickeln, und zwar zum Beispiel Komplikationen bei der Geburt, oder eine Frühgeburt, oder wenn die Mutter in der Schwangerschaft zum Beispiel Zigaretten, Alkohol oder Drogen konsumiert hat. Wichtig - um eine ADHS zu diagnostizieren - ist, die ADHS, die muss auf jeden Fall schon als Kind vorhanden gewesen sein.

Dr. Felix Betzler - Wenn das nicht der Fall ist, dann ist es sehr zweifelhaft, dass sich dahinter verbirgt. Nämlich diese Symptome, die eine ADHS hervorbringt, die können auch durch andere Dinge bedingt werden. Zum Beispiel durch Stress, durch Überforderung. Es können andere Erkrankungen dahinterstecken. Substanzkonsum über lange Jahre kann solche Symptome hervorbringen. Eine Depression kann sich dahinter verbergen, und so weiter. Das heißt, der Blick in die Kindheit ist enorm wichtig zur Diagnosestellung und das wird auch häufig leider vernachlässigt.

Kari Kungel - Er sieht dabei zwei Probleme. Und zwar einmal, dass viele ADHS Fälle unerkannt sind, aber auch die Gefahr, dass Leute eine Diagnose erhalten, die gar keine ADHS haben. Eine ADHS-Diagnose, die braucht in jedem Fall Zeit. Felix Betzler, der sagt, mehr Zeit als andere Diagnosen, weil dafür eben so viele verschiedene Informationen zusammenfließen müssen.

[00:17:33]

Ruhig oder hyperaktiv? Es gibt Subtypen

Kari Kungel - Ihr könnt euch bestimmt vorstellen, dass es nicht ganz einfach ist, eine Diagnose zu stellen, wenn man nachweisen muss, dass die ADHS schon als Kind da war. Wie genau Felix Betzler das macht, darum geht es gleich. Jetzt müssen wir uns aber mal ganz kurz die verschiedenen Subtypen von ADHS anschauen. Neben diesem vor allem hyperaktiven und impulsiven Typ, da gibt es nämlich auch einen unaufmerksamen Typ ohne diese Hyperaktivität. Und da sind wir jetzt genau bei diesem Thema, wie eine ADHS sich bei Frauen und Männern unterscheiden kann. Wir haben ja eben schon gehört - Frauen, die haben häufiger Probleme mit der Aufmerksamkeit und eben nicht unbedingt mit Hyperaktivität.

Dr. Felix Betzler - Das erklärt auch, warum es bei Jungen so viel häufiger diagnostiziert wird, als bei Mädchen im Kindesalter.

Kari Kungel - Klingt eigentlich logisch, oder? Also der Junge, der nicht stillsitzen kann, der die ganze Zeit zappelt, der fällt vielleicht viel mehr auf, als ein Mädchen, das verträumt aus dem Fenster schaut. Das heißt aber übrigens nicht, dass nicht auch Jungs diesen unaufmerksamen Typ und Mädchen den hyperaktiven haben können. Aber Mädchen, die gehen häufiger einfach unter.

Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz - Das sind die schüchternen Mädels, die nicht aufpassen können. Und wo so der Lehrer dann gar nicht weiß, war die eigentlich heute da oder nicht? Weil man sie übersieht. Und wir wissen, dass dies eigentlich gleich oft vorkommt, aber es wird einfach nicht erfasst.

Kari Kungel - Das ist Astrid Lobkowicz. Sie ist Fachärztin für Psychosomatik und Psychotherapie und sie hat sich auf die Behandlung von ADHS-Patientinnen spezialisiert. Wir haben ja eben schon gehört - die Kindheit, die ist wirklich super wichtig für die Diagnose. Und deswegen sind eben auch Schulzeugnisse so wichtig. Aber, weil bei Mädchen oft der hyperaktive Aspekt fehlt, steht dann da im Zeugnis nicht unbedingt irgendwas drin, was auf den unaufmerksamen Typ schließen lässt. Also, da steht ja selten drin, „Das Mädchen war verträumt oder vergesslich“.

Dr. Felix Betzler - Also da muss man sich dann wirklich sehr viel Zeit und Mühe nehmen, bzw. machen. Da wirklich ausführlich durchzugehen, das ganze auch noch zu ergänzen mit einer Anamnese - also einer Befragung von Bezugspersonen von damals. Das können die Eltern sein, das sind sie meistens, es können aber auch andere Bezugspersonen sein. Ich habe auch schon mit Grundschullehrerinnen telefoniert. Man muss da eben auf die Suche gehen und wirklich ganz genau schauen. Es ist schwer zu entdecken bei Mädchen, aber es ist nicht unmöglich.

Kari Kungel - Bei erwachsenen Frauen gibt es auch Hinweise, auf die man achten kann.

Dr. Felix Betzler - Wenn man sozusagen jetzt bei sich findet, man hat Schwierigkeiten, die Konzentration zu halten, Dinge durchzuführen, abzuschließen, Dinge zu planen, zu organisieren, Zeitmanagement. Wenn man, sozusagen, schlecht zuhören kann, immer wieder nachfragen muss. Wenn man vergesslich ist, wenn man Dinge verlegt. Und so weiter und so fort. Also diese Aufmerksamkeitsdomäne - wenn die beeinträchtigt ist - dann kann das schon ein Hinweis auf eine ADHS sein. Es muss nicht unbedingt die Hyperaktivität und die Impulsivität vorliegen.

Kari Kungel - ADHS ist bei unterschiedlichen Menschen unterschiedlich stark ausgeprägt. Es ist sozusagen ein Spektrum. Die Frage ist aber, wie hoch ist der Leidensdruck? Und wie lebt man im Alltag mit einer ADHS?

Wenn eine ausgeprägte ADHS lange unentdeckt bleibt, dann hat das Folgen. Betroffene von ADHS erleben zum Beispiel häufiger als andere Menschen Misserfolge und Enttäuschungen. So wie Johanna.

Johanna Gerhmann - Ich war bei Klausurenphasen, in Prüfungsphasen, da gab es mich einfach nicht. Ich war nicht abrufbar, weil ich mich dann auch so isoliert habe. Weil ich einfach so Angst vor dem Versagen hatte. Weil mir das ja auch immer abgesprochen wurde, ja, „Das schaffst du eh nicht“. Selbstzweifel ist auch ein ziemlich großes Thema, weil man ja oft als Kind oder in der Kindheit und Jugend-, auch Erwachsenenalter eingeredet wird, „Ja, das schaffst du nicht. Du kannst es vielleicht einfach gar nicht“, oder man sich selber einredet. Das heißt, Selbstzweifel waren immer ein großes Thema. Ich hab, bin ein Glück, so ehrgeizig und es gab für mich keine Alternative als diesen Beruf. Deswegen hat mich das, also das hat mich da durchgezogen, weil ich dachte, „Es gibt keine Alternative, ich will es unbedingt machen und ich schaff das“.

Kari Kungel - Und Johanna hat es am Ende geschafft. Sie hat ihren Bachelor in sozialer Arbeit abgeschlossen. Irgendwann hat sie herausgefunden, dass Lerngruppen ihr helfen. Und ihre Freundinnen und Freunde, die haben sie auch unterstützt.

Johanna Gerhmann - Da habe ich fast nur gute Erfahrungen gemacht. Und ja, dann so ein bisschen mehr in der Öffentlichkeit oder auch in Familie, leider eigentlich auch zunehmend mehr schlechte. Dass ich ja vielleicht nur übertreiben würde und dass das nur eine Ausrede sei und dass ich das ja gar nicht hätte. Und das würde es vielleicht manchmal auch gar nicht geben, und das so komplett runterspielen und das gar nicht nachempfinden können.

Kari Kungel - Dass einem von den Menschen, die einem nahestehen nicht geglaubt wird, dass man nicht ernst genommen wird - das klingt für mich echt schlimm. Und dazu kommt, dass in vielen Fällen eine ADHS auch von Profis nicht erkannt wird.

Dr. Felix Betzler - Eine ADHS kommt selten alleine. Vor allem eine unbehandelte ADHS.

Kari Kungel - Das ist noch mal Felix Betzler von der Berliner Charité. Häufig haben ADHS Betroffene nämlich noch weitere Begleiterkrankungen.

Dr. Felix Betzler - Das eigentliche Problem, was sozusagen viele dieser Störungen bedingt, ist aber bisher noch nicht gefunden worden.

Kari Kungel - Die häufigste Begleiterkrankungen von ADHS sind Angststörungen - und da auf Platz eins - die soziale Phobie.

Dr. Felix Betzler - Das ist auch sehr plausibel, wenn man darüber nachdenkt, mit welchen Einschränkungen oder Beeinträchtigungen ADHS-Betroffenen unterwegs sind, dann wirkt sich das aus auf das Selbstvertrauen und damit eben auch auf die soziale Interaktion. Und so kann sich eine soziale Phobie durchaus entwickeln. Panikstörung sind ebenfalls sehr plausibel aus meiner Sicht, weil man eben immer wieder diese Erfahrung macht, „Ich krieg das alles nicht hin“ und das führt dann häufig zu diesem Überforderungserleben und mündet dann in einer Panikstörung.

Kari Kungel - Was häufig auch neben der ADHS auftritt, ist zum Beispiel die Depression. Die Hälfte aller ADHS-Patientinnen und Patienten im Erwachsenenalter, die entwickeln im Laufe ihres Lebens Depressionen und Ängste, sagt Astrid Neuy-Lobkowicz.

Dr. Astrid Neuy-Lobkowicz - Und dann gehen sie zum Psychiater und Psychotherapeuten. Und der sieht nur die Ängste. Und er sieht eben nicht, dass darunter auch das ADS liegt, weil er es nicht gelernt hat und weil er nicht die richtigen Fragen stellt. Er müsste fragen, „Haben Sie Konzentrationsstörungen? Haben Sie Schwierigkeiten, aufzuräumen? Können Sie Sachen rechtzeitig anfangen? Haben Sie einen Überblick in Ihrem Leben?“ Ja, aber die meisten geben sich damit zufrieden, dass die Patienten sagen, „Ich bin so traurig und ich kriege nichts auf die Reihe und ich bin so erschöpft“ und dann ist das gleichen Erschöpfungsdepression und wird als solche behandelt.

Kari Kungel - Und so verpasst man dann die Chance, die ADHS, die darunter liegt, mit zu behandeln.

Johanna Gehrmann - Als junge Erwachsene, da war ich ja in einer Krise, da habe ich eine rezidivierende Depression diagnostiziert bekommen. Dass ADHS vielleicht der Ursprung sein könnte, war halt nie Thema.

Kari Kungel - Rezidivierend, was Johanna da gerade gesagt hat, das heißt übrigens, dass es immer wieder zu neuen depressiven Episoden kommt, auch wenn man schon mal symptomfrei war. Angelina, die kennt auch leichte depressive Phasen, aber sie hat auch mit anderen Dingen zu kämpfen.

Angelina Boerger - Tatsächlich sind es bei mir auch so Verhaltenssüchte, also vor allem alles rund um Social Media und Mediennutzung und eben auch eine, eine Kaufsucht. Und das ist auch etwas, was ich bis heute nicht unbedingt sehr gut im Griff habe, aber daran eben arbeite.

Kari Kungel - Süchte sind generell ein großes Thema, auch eine Sucht nach bestimmten Substanzen. Die tritt bei Menschen mit ADHS häufig auf. Viele Betroffene, die therapieren sich nämlich unbewusst sozusagen selbst. Und das kann dann zu Abhängigkeiten führen, weil der Stoffwechsel im Gehirn von ADHS-Betroffenen, der funktioniert anders. Und da gibt es bei bestimmten Stoffen eine paradoxe Wirkung, sozusagen. Teilweise reagieren Menschen mit ADHS nämlich auf aufputschende Substanzen mit Beruhigung, zum Beispiel bei Amphetaminen wie Speed.

Dr. Felix Betzler - Einige haben schon sozusagen die Erfahrung gemacht, dass ihnen das sehr hilft. Und dann begegnet mir immer wieder die Schilderung, wenn ich zum Beispiel nach Substanz Konsum frage, dass es heißt, „Ja, ich habe mal irgendwie Speed genommen, aber irgendwie, das wirkt bei mir so anders. Alle anderen sind dann total abgegangen und ich bin irgendwie ruhig und eigentlich fast müde geworden. Also zum Feiern bringt mir das nichts. Zum Arbeiten und zum Funktionieren aber total“. Also das ist was, das höre ich sehr, sehr häufig.

[00:26:37]

Kurzer Überblick

Kari Kungel - Ich fasse noch mal kurz zusammen. Oft werden bei einer ADHS die Begleiterkrankungen zwar erkannt, aber eben nicht die Ursache, also die ADHS. Bei Mädchen und Frauen wird eine ADHS teilweise übersehen, weil das eher mit Jungs in Verbindung gebracht wird, und weil eben dieser unaufmerksame ADHS-Subtyp - den Frauen häufig haben - der rutscht sozusagen durch. Das heißt, viele Frauen, die von einer ADHS betroffen sind, werden erst sehr spät diagnostiziert.

Johanna hätte sich gewünscht, schon viel früher zu wissen, dass sie ADHS hat.

Johanna Gehrmann - Also ich musste mir natürlich jetzt, mit 26, Methoden erarbeiten, in Therapie gehen, schauen, was brauche ich, wie kann mir geholfen werden? Es wär viel schöner und ich hätte viel weniger Leidensdruck, wenn ich das schon in, in der Jugend oder in der Kindheit erfahren hätte und dann schon Therapie bekommen hätte. Ergotherapie, was auch immer. Oder Medikamente. Das hätte mir einfach viel, viel mehr gebracht und ich müsste jetzt nicht diesen ganzen, also jetzt durchlebe ich, jetzt schaue ich ja mit 28, okay, was, was brauche ich, was hilft mir? Und wenn ich das schon viel früher gewusst hätte, glaube ich, wär mir vor allem das Studium, Ausbildung, Schule, viel einfacher gefallen.

Kari Kungel - Johanna macht heute eine Verhaltenstherapie, um zu lernen, wie sie mit ihren Impulsen - die eben so bei ihr aufkommen und mit ihren Emotionen - besser umgehen kann. Und sie nimmt auch Medikamente, und zwar den Wirkstoff „Methylphenidat“. Den kennt ihr vielleicht auch unter dem Handelsnamen „Ritalin“. Sie nimmt es aber nur für ihre Arbeit. In der Freizeit und im Urlaub nimmt sie es nicht, weil das Arzneimittel das hilft ihr einfach beim Arbeiten im Büro, sich besser zu fokussieren und konzentriert zu arbeiten.

Johanna Gehrmann - Da ist vielleicht auch noch mal wichtig zu sagen, dass ich durch die Medikamente in eine Arbeitsweise kommen, die in Anführungsstrichen „normale“ Menschen haben. Also ich arbeite damit ganz normal und wenn ich die nicht nehmen würde - ich ich hab die einmal vergessen, und ich habe unglaublich lange im Büro gebraucht, um irgendwie den PC anzumachen, um irgendwie meine Mails zu öffnen. Und ich glaube, ich habe so drei Sachen geschafft von eigentlich ganz, ganz vielen anderen. Also es hilft mir einfach - so hart es klingt - irgendwie normal meiner Arbeit nachzukommen.

Kari Kungel - Bei Erwachsenen ist so eine medikamentöse Therapie auch wirksamer als eine Psychotherapie. Das hat uns Felix Betzler von der Berliner Charité erzählt.

Dr. Felix Betzler - Das sage ich als Fan von Psychotherapie. ADHS kann heißt nicht geheilt werden, das nicht, aber die Symptome können sehr gut therapiert werden.

Kari Kungel - Auch eine medikamentöse Therapie, die hat natürlich Nebenwirkungen. Aber wenn jemand durch die ADHS wirklich sehr stark beeinträchtigt ist, dann überwiegt natürlich der Nutzen.

[00:29:33]

So kann man sich selbst auf ADHS testen

Kari Kungel - Und wenn ihr jetzt vielleicht selbst denkt, „Hey, irgendwie erkenne ich mich hier total wieder“, dann empfiehlt Felix Betzler, erst mal einen Selbsttest zu machen.

Dr. Felix Betzler - Da gibt es eine ganze Reihe von Selbsttests im Internet. Da muss man ein bisschen aufpassen. Einige davon sind jetzt nicht wissenschaftlich fundiert. Man kann zum Beispiel den Test der Weltgesundheitsorganisation machen, das ist der „ASRS“, den kann man googlen und der ist frei verfügbar und auch sehr einfach durchzuführen. Damit kann man zum Beispiel beginnen. Und wenn der deutlich positiv ist, dann kann man sich entsprechend eine Stelle heraussuchen und da die Diagnostik durchführen lassen. Den ASRS-Test, den verlinken wir euch in den Shownotes. Aber das haben wir eben schon gehört, es ist sehr schwierig, einen Platz in einem spezialisierten Zentrum zu bekommen und die Wartezeiten, die sind sehr lang. Und noch ein Hinweis zu Diagnostik, ganz kurz, weil wir hier darüber sprechen, dass gerade Frauen und gerade die Frauen mit einem unaufmerksamen ADHS-Typ oft nicht erkannt werden…

Dr Felix Betzler - Es gibt auch noch keine Skalen, also Fragebögen, mit denen wir arbeiten können, die jetzt für Frauen geeignet sind. Also die Skalen, die wir aktuell benutzen, die sind - eigentlich sollten sie geschlechterunspezifisch sein - aber wenn man sie genauer ansieht, dann wird schon deutlich, dass das ausgelegt ist auf den Archetypus Zappelphilipp-Syndrom. Und deswegen sollte man sich auch entsprechend nicht zu sehr beispielsweise an den Skalen aufhalten bei, bei Frauen. Wenn sie zum Beispiel dann rückblickend ihre Kindheit bewerten und da nicht den Cutoff erreichen, dann bedeutet das nicht, dass kein ADHS liegt. Sondern, man muss sich dann wirklich die Mühe machen und die Zeugnisse durchgehen, die Angehörigen zu befragen und schauen, „Gibt es Hinweise?“.

Kari Kungel - Für Johanna hat die Diagnose dann Klarheit gebracht.

Johanna Gehrmann - Also es war super, super wichtig für mich zu wissen, was dahinter steckt und auch unglaublich befreiend, plötzlich sich die ganzen Sachen erklären zu können. Gar nicht im Sinne von, „Das ist jetzt eine Ausrede“, aber dadurch konnte ich - oder kann ich - jetzt viel besser planen. Ich kann viel besser schauen, „Wie gestalte ich etwas, was brauche ich, damit ich meinem Alltag möglichst gut nachgehen kann? Oder mein Beruf jetzt?“ Es hat mir einfach unglaublich viel Leidensdruck genommen. Ja.

Kari Kungel - Und Angelina, Die kann sich noch gut an den Moment erinnern, als sie ihre Diagnose bekommen hat.

Angelina Boerger - Ich konnte so ein Stück weit Frieden mit mir schließen. Also, es war einfach dieses, all die Jahre, in denen ich mir viele Dinge nicht erklären konnte und mir einfach auch selber viele Vorwürfe gemacht habe. Und ich konnte mir das alles erklären und ich hatte eben eine neurologische Erklärung dafür. Und das hat eben diesen Impuls gesetzt zu sagen, „Okay, du bist nicht schuld!“ und das ist, glaube ich, was ganz wertvolles, was auch immer jetzt noch so ein Prozess ist. Also immer wieder gibt es halt Situationen, wo ich mir das sagen muss und einfach mehr auf mich selber achte, auch.

Kari Kungel - Angelina will über ADHS aufklären und deshalb hat sie einen Instagram-Account gegründet, der heißt „Kirmes im Kopf“. Und sie sagt, die Leute, die sind wirklich wahnsinnig dankbar, dass es diesen Account gibt.

Angelina Boerger - Dieses Community-Gefühl ist das glaube ich, dass man eben merkt, „Ich bin damit nicht alleine“. Es sind so viele Menschen, die mit ADHS leben als Erwachsene, eben nicht nur als Kinder oder Jugendliche, und die Informationen wollen, die sich aber auch austauschen wollen und sich eben sagen wollen „Oh mein Gott, ich dachte, das habe nur ich, jetzt sagst du eins zu eins - also wirklich so ganz kleinteilige Sachen - wo man dann eben das Gefühl hat, man ist damit nicht alleine“. Und das macht so viel einfach mit einem selbst.

Kari Kungel - Und sie hat viele Pläne. Sie schreibt gerade an einem Sachbuch, plant einen Podcast und möchte auch langfristig in Schulen und Unternehmen für ADHS sensibilisieren.

Angelina Boerger - Weil ADHS kann im Kontext Arbeit eben auch mal zu Problemen führen, bringt aber auch ganz viele Chancen mit, weil die Menschen mit ADHS eben sehr oft auch andere Dinge sehr stark ausgeprägt haben, die im Arbeitskontext eben gut funktionieren, wie eine große Kreativität oder eine sehr ausgeprägte Empathie.

Kari Kungel - Und so was lässt sich natürlich supergut in Teams einsetzen und das ist vielleicht jetzt auch mal ein guter Schlusspunkt. ADHS hat nämlich auch viele positive Seiten.

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Hyperfokus, die Superkraft

Johanna Gehrmann - Ich bin, würde ich von mir behaupten, eine super empathische Person. Und ich bin sehr, sehr ehrgeizig. Also mit sehr ehrgeizig meine ich wirklich ehrgeizig. Wenn ich mir etwas in den Kopf gesetzt habe als Ziel, was ich erreichen möchte, dann lasse ich mich davon eigentlich kaum abbringen und nehme so ziemlich alle Hürden auf mich. Und wenn mir Aufgaben wirklich ganz doll Spaß machen, dann verfalle ich auch oft in so einen Hyperfokus. Also ich vergesse dann die Zeit und leider auch das Essen und Trinken. Aber ich kann dann innerhalb von zwei Stunden unglaublich produktiv sein. Also da weiß ich auch, dass Freundinnen das wirklich ganz doll beneiden, weil sie mich fragen, „Wie hast du das in zwei Stunden geschafft?“. Ich habe halt die Zeit vergessen und das ist manchmal echt so eine kleine Superkraft, zu wissen, „Okay, diese Aufgabe macht mir Spaß, das schaffe ich, gebt mir zwei Stunden und das ist fertig!“.

Kari Kungel - Das war es mit dieser Folge von „The Sex Gap“. Es ging darum, weshalb ADHS bei Frauen oft erst spät erkannt wird. Noch mal kurz zusammengefasst. Es gibt immer noch zu wenig Wissen darüber, dass Mädchen und Frauen auch ADHS haben können. Ein Grund - Frauen sind häufiger von dem unaufmerksamen Subtyp betroffen, weshalb sie in ihrer Kindheit nicht auffallen. In den Tests wird dann aber vor allem auf diesen hyperaktiven Typ geachtet. Und - gesellschaftliche Vorstellungen, die spielen auch immer eine Rolle. Viele denken einfach mehr an den zappeligen Jungen und nicht an ein verträumtes Mädchen. Alle wichtigen Links - zum Beispiel zum Selbsttest - findet ihr in den Shownotes. Ich bedanke mich bei allen, mit denen wir für die Recherche sprechen konnten, für diese erste Folge von „The Sex Gap“. Wie die Medizin gerechter für alle werden kann - dieses Thema ist natürlich unglaublich groß und echt spannend. Warum wissen wir so wenig über die Krankheit Endometriose? Warum werden Männer mit Depressionen seltener behandelt? Und, welche Rolle spielt Rassismus in der Medizin? In der nächsten Folge geht es darum, weshalb Dosierungen von Medikamenten wie zum Beispiel Schlafmittel für Frauen viel zu hoch sein können, und warum das lebensgefährlich sein kann. Jetzt haltet euch fest - Medikamente auch an Frauen zu testen - das ist in Deutschland erst seit 2004 vorgeschrieben.

Andreas Grund - Das war vor 2001 noch sehr viel schwerwiegender, weil da hat man wirklich versucht, radikal Frauen auszuschließen aus allen Studien und nur aufgrund von männlichen Daten sozusagen Medikamente auch zuzulassen.

Kari Kungel - Wir haben für die Folge mit Andreas Grund gesprochen, der für Pharmaunternehmen klinische Studien durchführt und was er alles erzählt hat, das ist echt krass. Also, hört auf jeden Fall wieder rein in der neuen Folge und bis dahin - macht es gut!

Sprecher - The Sex Gap. Ein Podcast von gesundheit-hören.de und der Apotheken Umschau. Produziert von Pola Berlin.

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